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Musen und Sirenen

 

Die Musen sind die traditionellen Hüterinnen der europäischen Idee. Es ist (oder war?) unmöglich, Europäer zu sein ohne sie zu kennen, als Vertreterinnen der einzigen wirklichen europäischen Lingua franca, der europäischen Kunst: Dante und Cervantes, Michelangelo und Vincent van Gogh, Mozart und Schönberg, Kafka und Pessoa, Fellini und Kieslowsky, Maria Callas und John Lennon, etc. Welche Zweifel jemand auch darüber hegen mag, was nun europäisch ist und was nicht, über unsere Geschichte und Kultur kann es keinen Zweifel geben.

Ein führender europäischer Humanist wie George Steiner führt das Verschwinden der europäischen Identität zum Teil auf einen Verlust des kulturellen Wissens zurück. 2003 sagte er in einem Vortrag „Die Idee von Europa“:

„Nichts bedroht Europa radikaler – ‚von der Wurzel her’ – als die alles wegspülende, exponentielle Flutwelle des Angloamerikanischen und des vereinheitlichten Wertesystems und Weltbildes, die dieses alles verschlingende Esperanto mit sich bringt. Der Computer, die Kultur des Populismus und der Massenmärkte, sie alle sprechen Angloamerikanisch, von den Nachtclubs in Portugal bis zu den Fast-food-Buden von Wladiwostok. Europa wird in der Tat zu Grunde gehen, wenn es aufhört, für seine Sprachen, für seine lokalen Bräuche und gesellschaftlichen Autonomien zu kämpfen. Und wenn es vergisst, dass ‚Gott im Detail liegt’ [...] Die Würde des Homo sapiens besteht gerade in der Verwirklichung von Weisheit, dem Streben nach uneigennützigem Wissen, der Erschaffung von Schönheit [...]. Wenn aber junge Engländer in einer Auflistung ihrer nationalen Schätze David Beckham weit vor Shakespeare oder Darwin reihen, wenn Bildungsinstitutionen, Buchhandlungen, Konzerthäuser und Theater um ihr Überleben kämpfen müssen, und das in einem Europa, das zutiefst wohlhabend ist und wo der Wohlstand noch nie so präsent war wie jetzt, dann liegt die Schuld ganz klar bei uns selbst.“

Die Historiker haben nicht vergessen, dass für viele Intellektuelle, Dichter und Künstler eine der vielen treibenden Kräfte hinter dem Ersten Weltkrieg ein Konflikt zwischen „Kultur“ und „Zivilisation“ war, zwischen kulturellen, metaphysischen Werten einerseits, und politischen und gesellschaftlichen Werten andererseits. Diesen Konflikt hat die „Zivilisation“ gewonnen, aber mit der Befreiung des Individuums kam auch die Kultur der Massen. Warum sollte das ein Problem sein? Haben nicht die Musen sich oftmals als Sirenen entpuppt, die Europa ins Verderben stürzen? Und haben nicht Filme wie Star Wars, Schindlers Liste und The Matrix genau so viel pädagogischen Wert wie z.B. Krieg und Frieden? Ist es nicht so, dass hinter der Forderung nach der “Hochkultur” nur all zu oft eine nostalgische Sehnsucht nach einem untergegangenen Europa zu spüren ist, oder besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass diese Kultur wie ein Museum ist, und der Identitätskrise der Europäer? Welche Art von Wissen brauchen wir, um Europäer zu sein? Welche Bilder können wir verwenden, was kommunizieren wir, wenn wir Europa kommunizieren?

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Datum: 22.12.2005